Vor genau einer Woche gab es meine letzten Eintrag. Die Idee war mich für eine Weile zurückziehen, um zur Ruhe zu kommen und dadurch vielleicht herauszufinden wohin meine Reise gehen soll. Ich habe irgendwann mal gehört oder gelesen, dass Antworten aus der Stille kommen. Antworten von unserem wahren Selbst, unserem innersten Wesen. Wie viele andere auch, bin ich Meisterin darin geworden, diese Stille zu verdrängen und auch das Leben an sich lässt Stille nicht mehr zu. Egal wo ich hingehe bin ich umgeben von Lärm und Ablenkung.
Letzte Woche ist es mir zu viel geworden. Ich habe wie immer versucht es zu verdrängen indem ich einfach weiter an der Wohnung gearbeitet und Termine eingehalten habe. Unter Leute konnte ich nur noch mehr mit meinen Kopfhörern und beruhigender Musik. Auch zu Hause habe ich ständig Musik an, um der Stille keine Chance zu geben, Raum einzunehmen. Denn mit der Stille kommen die Gedanken. Viele Gedanken – schmerzhafte, unangenehme oder einfach so viele, dass pures Chaos im Kopf herrscht.
Ablenkung funktioniert bei mir aber nur für eine gewisse Zeit und irgendwann übernimmt dann mein Körper die Kontrolle und zwingt mich förmlich dazu eine Pause einzulegen, um mich mit dem zu konfrontieren, was wirklich gerade wichtig ist – mich, mein Wesen, meine Bedürfnisse, mein Sein.
Es beginnt mit der Phase, in der ich kaum noch die Wohnung verlasse, weil mir die Welt draussen zu laut und zu viel ist. Die vielen Menschen – ihr Lärm. Wie gesagt hilft mir dabei ruhige Musik über meine Kopfhörer zu hören, die mich vom Aussen abschotten. Danach kommen die körperlichen Symptome, die mich zum Ruhen zwingen sollen, wie meine latenten Rückenschmerzen. Aber weil ich auch die einfach aushalte und eben Körperhaltungen vermeide wo es schmerzhaft wird, muss mein Körper dann zu den schwereren Geschützen greifen. In meinem Fall sind das schwere depressive Schübe.
Diese Schübe kann ich weder aushalten, noch irgendwie umgehen oder mich davon ablenken. Sie drücken mich zu Boden und machen mich quasi handlungsunfähig. In diesen Zeiten bin ich ständig müde und schlafe täglich zwischen 12 und 14 Stunden. Entweder esse ich nicht oder ich habe EA & K’s, wenn ich trotzdem zwanghaft versuche irgendwas zu schaffen an dem Tag. Ich dusche nicht, weil es nicht wichtig ist, weil es mir sinnlos vorkommt und ich ohnehin nicht unter Menschen gehe. Manchmal gehe ich sogar ohne meine Zähne zu putzen abends ins Bett. Dann ist es aber schon besonders schlimm, denn das Zähneputzen ist mir heilig. Auch früher als ich noch getrunken habe war das so. Egal wie betrunken ich war, ich bin NIE ohne Zähneputzen ins Bett gegangen, NIE.
Ich wusste also letzte Woche schon, dass sich was anbahnt, dass wieder ein Schub vor der Türe steht und wollte dem zuvorkommen, indem ich mich selbst aus dem Spiel nehme – ein „Retreat“ machen, wie ich es genannt habe. Mir bewusst Zeit für mich nehmen und nichts anderem nachzugehen, als dass was meine Intuition mir sagt. Also dem „Ich möchte jetzt“, „Ich habe Lust auf…“ und nicht den „Ich müsste…“, „Ich sollte eigentlich…“.
Ich arbeite nicht, hätte den ganzen Tag sozusagen Zeit dafür, dem nachzugehen, was ich möchte. Übrigens ist es genau das, was meine Ärzte mir seit Monaten „verschreiben“ – „Achten Sie zur Abwechslung mal auf sich!“ oder „suchen Sie sich Dinge, die Sie gerne tun und tun Sie sie einfach!“. Nichts liegt mir ferner und fällt mir schwerer als das! Sobald es darum geht, mir etwas Gutes zu tun, legt sich in meinem Hirn ein Schalter um und Gedanken über alles Mögliche überfluten meinen Geist. Gedanken über die Vergangenheit, die Zukunft, die „ich müsste“, „ich sollte“, „ich darf nicht“.
Und bei „mir etwas Gutes tun“, geht es nicht um Materielles. Auch das versuche ich immer wieder, obwohl ich längst weiß, dass das nicht die Lösung ist. Ich kaufe mir beispielsweise eine neue Pflanze für meinen Dschungel, oder sonstige Utensilien für meine Pflanzen. Oder ich kaufe mir Bücher – gute Bücher für die Persönlichkeitsentwicklung, die ich dann aber nicht lese. Oder ich bezahle für einen Online-Kurs auch in diese Richtung und mache ihn dann nicht, weil ich dazu einfach keine Energie habe. Mittlerweile gebe ich mein Geld dafür aus und nicht mehr für Kleidung oder Möbel, Alkohol oder Essanfälle in Massen.
Das ist aber nicht damit gemeint mit „mir etwas Gutes zu tun“, zumindest empfindet mein Körper und mein Geist so, wenn sie sich gezwungen sehen, mich wieder in einen depressiven Schub zu führen. Auch die letzten Tage war ich damit beschäftigt die wenigen Stunden mit halb vollem Energielevel eines Tages dafür zu nutzen, in der Wohnung weiter zu machen. Wobei es weniger ein Weitermachen, als ein Andersmachen war. So habe ich mein „Lebezimmer“ wieder komplett umgestellt und gestern war neben dem Vorzimmer auch nochmal die Küche dran. Ich will das eigentlich gar nicht machen, habe keine Freude daran – vielmehr nervt es mich schon gewaltig. Ich kann inzwischen mein geliebtes Werkzeug nicht mehr anschauen, würde am liebsten jeden Farbroller, jeden Pinsel und alle Malerkrepprollen in die Tonne schmeissen, aber es ist wie ein Zwang. Ein Zwang nicht aufzuhören etwas zu tun, etwas zu leisten, um mein gefühltes Versagen nicht ertragen zu müssen.
Aber ich weiß instinktiv, dass der einzige Weg da raus eine Konfrontation mit meiner Stille ist. Eine Konfrontation mit dem, was ich so sehr versuche zu vermeiden. Ich kann es also nur weiter versuchen und wenn es nicht gelingt, bin ich gewillt wirklich abzutauchen. Keine Ahnung, ein Kloster mit Sprechverbot, eine verlassene Hütte irgendwo im Nirgendwo. Ich habe mal auf Instagram einen Post gelesen der mir dazu einfällt: „Man kann nicht in dem Umfeld gesund werden, das einen krank gemacht hat.“ Vermutlich ist das wahr.